Jon C. Helmer

Helmut & Sören: Neue Freunde

An heißen Sommertagen wie diesem saßen die beiden Freunde Helmut und Sören zusammen auf ihrer Picknickdecke an Helmuts Tümpel und sahen hinauf in den azurblauen Himmel.
„Du, Helmut, schau doch mal dort hinten auf dem Berg“, meinte Sören, der kleine Goldhamster, nach einer Weile und zeigte mit seinem kleinen Pfötchen auf die begrünte Erhebung, die sich im Osten in den Himmel reckte. „Ist dir der komische schwarze Ring schon einmal aufgefallen, der auf seinem Gipfel steht?“

Helmut folgte dem Blick seines Freundes und antwortete staunend: „Nein Sören. Das sieht ja fast so aus, als hätte da oben jemand ein Riesenrad aufgestellt.“ Das wäre ja wirklich unglaublich.

„Lass uns doch mal nachschauen, was es damit auf sich hat“, forderte Sören mit abenteuerlich-verwegener Stimme.

„Nein, heute hab ich keine Lust. Es ist doch viel zu warm“, wiegelte Helmut ab.

Sören war enttäuscht von seinem grünen Kumpel, aber so schnell würde er nicht aufgehen. „Ach komm schon, sei kein Frosch!“

Helmut sah ihn mit hochgezogener Braue an. „Äähm … ich bin ein Frosch, falls du es vergessen hast.“

Das hatte Sören keineswegs vergessen, also versuchte er es auf einem anderen Wege: „Dann sei halt kein Spielverderber und überlege doch mal: Was kann es an so einem warmen Sommertag schöneres geben, als in luftiger Höhe den Fahrtwind eines Riesenrades zu genießen?“

Damit hatte er Helmut offenbar nun doch überzeugt, denn dieser machte sogleich einen Freudenhüpfer. „Da hast du auch wieder Recht.“

Und so zogen sich die beiden Freunde ihre Wanderschuhe an und machten sich an den Aufstieg.

Erbarmungslos brannte die Sonne auf die beiden Wanderer hernieder, sodass sie unter jedem Baum eine kleine Pause einlegen mussten. Nach einer gefühlten Ewigkeit jedoch, hatten sie ihr Ziel fast erreicht. Nach der nächsten Kurve müssten sie auf dem Gipfel stehen und den großen Ring aus nächster Nähe sehen können. Im Schatten eines weiteren Baumes setzten sie sich für eine letzte Pause auf einen Stein.

Plötzlich hörten sie ein tiefes Brummen und Knurren, das ihnen durch die Glieder fuhr.

„Hast du etwa solchen Hunger, dass dir der Magen knurrt?“, fragte Sören hoffnungsvoll. Zwar schien ihm das die logischste Erklärung für derartige Geräusche, aber tief in seinem Inneren ahnte er, dass dies nicht die Antwort auf derart furchteinflößende Geräusche sein konnte.

„Nein“, entgegnete Helmut nicht weniger verängstigt, „Ich hatte heute schon einen deftigen Fliegenkompott. Vielleicht sollten wir besser umkehren.“

Doch Sören hielt ihn zurück. „Lass uns doch wenigstens einmal nachsehen. Vielleicht gibt es dafür ja eine harmlose Erklärung.“

Sie nahmen allen Mut zusammen und erklommen die letzten paar Meter bis zum Gipfel. Und da sahen sie ihn: den gigantischen, schwarzen Ring, der sich von einem Ende des Gipfels zum anderen zu spannen schien.

„WOOOW!!!“, staunte Sören mit offen stehendem Mund.

„Wau! Wau! Wau!“, antwortete jemand. Erschrocken sahen sie sich um, bis sie drei finstere Gestalten unter den Ringen stehen sahen. Zottelig und mit finsteren Mienen sahen sie die beiden Freunde an.

„Ein B-b-b-bär“, stotterte Helmut.

„U-u-und ein Hu-u-und … und noch ein B-b-bär“, ergänzte Sören bibbernd. Wilde Tiere hatten sie hier oben weiß Gott nicht erwartet.

Die drei Fremden kamen langsam und bedrohlich auf sie zu, während Helmut sich bereits hektisch nach Fluchtmöglichkeiten umsah. Dann, gerade als Helmut einen großen Satz ins nächste Gebüsch machen wollte, grollte eine tiefe Stimme: „Halt, nicht so schnell!“

Es war der zottelige Bär, der gesprochen hatte und der bei näherer Betrachtung ganz und gar nicht finster dreinblickte. Es war die Schiebermütze auf seinem Kopf, die diesen dunklen Schatten in sein Gesicht geworfen hatte.

Als er näher kam lächelte er freundlich und stellte sich vor: „Ich bin Theobär K. Storm – das K steht für kreativ. Und das sind meine Freunde Woofy …“, damit zeigte er auf den Hund, der schwanzwedelnd auf sie zu kam, „… und Teddy Knopfbär.“ Sein Finger wanderte zu seinem anderen Gefährten.

Dieser, ebenfalls ein Bär, sah auf den ersten Blick zum Fürchten aus. Er musste an die vier Sörens hoch sein (eine am Tümpel weit verbreitete Maßeinheit) und hatte ein normales Auge und eines, mit einem Durchmesser von fast einem ganzen Sören!

Als hätte sein Goldhamsterfreund seine Gedanken gelesen, fragte er Teddy Knopfbär neugierig: “ Hey, was ist denn mit deinem Auge los?“

Das war wieder mal typisch für Sören. Er war stets wie die Axt im Walde. Helmut wollte sich gerade für seinen Kumpel entschuldigen, als Teddy ihm mit seiner Antwort zuvor kam: „Ich bin Feinmechaniker, genauer gesagt Uhrmacher. Mit diesem großen Auge kann ich auch kleinste Dinge ganz genau erkennen.“

Das klang sogar einleuchtend. Doch erst jetzt bemerkte Helmut, wie unhöflich er doch war. „Ach so“, begann er verlegen, „Ich bin übrigens Helmut und das ist mein Kumpel Sören.“

Kreuz und quer wurden Hände, Pfoten und Tatzen gereicht.
„Seid ihr hier oben, um mit dem Riesenrad zu fahren?“, fragte Sören die neuen Freunde und zeigte dabei auf den großen Ring über ihnen.

Teddy kicherte. Was war denn daran so komisch?
„Nein, meine Freunde. Ich bin Uhrmacher und das ist kein Riesenrad, sondern eine Sonnenuhr. Ich bin mit meinen Freunden hier oben, um sie neu zu stellen. Sie geht nämlich elf Minuten nach.“

Alle begannen herzhaft zu lachen und Theobär fügte mit einem Zwinkern hinzu: „Aber wenn ihr bei den heißen Temperaturen etwas Erfrischung braucht, auf der anderen Seite des Gipfels gibt es eine Wasserrutsche, die bis hinunter ins Tal führt.“

Damit war der Tag gerettet und nach getaner Arbeit – Helmut und Sören halfen gern – rutschten die fünf neuen Freunde durch das kühlende Nass hinunter ins Tal.

© 2022|06|27 by Jon Helmer