Was zum Geier ist ein Jon(athan)?

Was zum Geier ist ein Jon(athan)?

„Das Leben ist zu kurz! Zeig mir die Kurzversion …“ »

Es war ein kühler und verregneter Dezemberabend im Jahre 1975, als irgendwo in Gelsenkirchen, mitten im Ruhrpott, ein Kind namens Jon(athan) mit kleinen, müden Glubschäuglein neugierig das wärmende Licht der Welt erblickte.
Anm. d. Red.: Okay, vermutlich war es draußen scheißekalt, bereits dunkel und alles, was er sehen konnte, war das schummrige Licht einer 40-Watt-Funzel in einem Krankenhauszimmer. Aber mir gefällt das obige Bild besser.

Auch wenn es sein liebender Vater sicherlich gut gemeint hatte, ihn fortwährend bei seinem Kurznamen (!) Jooon (mit deutschem ›Jott‹ und lang gezogenem ›o‹) zu nennen, schätzte sich der kleine Jon später glücklich über den Umstand, dass der Name in der Geburtsurkunde wie auch in allen anderen offiziellen Dokumenten ohne dehnendes ›h‹ vermerkt war. So nannte ihn alle Welt – mit Ausnahme seines Vaters und einiger weniger Onkel und Tanten – kurz und knackig ›Jon‹ oder auch ›Jonny‹. Ob beginnend mit einem deutschen ›Jott‹ oder englischem ›Dsch‹, spielte für ihn keine Rolle. Damit konnte er gut leben.

Okay, es gab da diesen einen unschönen Zwischenfall in der Grundschule, bei dem sein damaliger Mathelehrer, Herr Hauser1), Jons Namen falsch an die Tafel geschrieben hatte: ›John‹ mit einem ›h‹ nach dem ›o‹.
Dieses Missverständnis war allerdings vorprogrammiert durch die Tatsache, dass Jons Papa dem ahnungslosen Mathelehrer höchstpersönlich den Namen seines doch eher introvertierten Sprösslings vorgetragen hatte. Wenn man so wollte, hatte Jon bereits hier seine ersten Berührungspunkte mit dem Schreiben – nämlich mit dem Falsch-Schreiben seines Vornamens.
Nach einem furchtbaren Tobsuchtsanfall mit zahllosen Tränen und unter spöttischem Gelächter seiner Mitschüler gelang es Jon Herrn Hauser davon zu überzeugen, seinen Namen ohne ›h‹ neu an die Tafel zu schreiben.
Der Name war nun richtig – das Gespött der Mitschüler jedoch blieb.
Kinder sind Arschlöcher!

Nein, Kinder sind etwas wunderbares! Nur eben nicht, wenn man selber noch eines ist und von anderen Artgenossen gehänselt oder gegretelt wird.
Anm. d. Red.: Ich hoffe, diese genderkonforme Schreibweise ist korrekt.

Sein literarisches Potenzial konnte Jon dann erstmals auf dem Gymnasium voll und ganz entfalten, als es darum ging, einen Aufsatz mit dem Thema ›Sachliche Schilderung des Bauerntums im Mittelalter‹ zu schreiben. Seine sechsseitige Geschichte war großartig und voller Spannung, die Benotung hingegen eine echte Katastrophe.
Jon hatte ein unterhaltsames Abenteuer … ach, was red‘ ich? Jon hatte ein Epos daraus gemacht. Allerdings kamen keine Bauern darin vor, dafür umso mehr Ritter, Untote und ein Drache … Jaaa, es war auch die Zeit der Pen & Paper Rollenspiele und seine Fantasie kannte kaum Grenzen.
»Tolle Geschichte… Leider völlig am Thema vorbeigearbeitet«, hatte sein Deutschlehrer Herr Janzen1) damals mit einem Smiley unter diese Arbeit geschrieben. Wohlwollend hatte er Jon dafür noch ein mangelhaft+ gegeben. Dennoch erhielt die Geschichte von seinen Mitschülern große Anerkennung.

Als er im zarten Alter von 19 Jahren seine erste Trennung durchlebte, drückte er seinen Liebeskummer während des Englischunterrichts in Form eines Sonetts aus. Thema der Stunde waren tatsächlich William Shakespeare und englische Sonette. Jon fühlte sich in seinem Element:

Hopeless Love

I know a young girl,
she is very nice.
She has short blonde hair
and beautiful eyes.

We had a big love,
for nearly two years,
but now it has gone
and I’m crying my tears.

I’m sure, I never will find
another girl like you.
My heart nearly got blind,
because this love was true.

When I accepted the end,
I promised my girl,
to be her best friend
all over the world.

Jon Helmer 1997

Aussichtslose Liebe

Ich kenne ein junges Mädchen,
sie ist sehr hübsch.
Sie hat kurze blonde Haare
und wunderschöne Augen.

Wir waren schwer verliebt,
für beinahe zwei Jahre,
doch nun ging die Liebe verloren
und ich weine meine Tränen.

Ich bin sicher, es niemals zu finden,
ein anderes Mädchen wie dich.
Mein Herz ist beinahe erblindet,
denn diese Liebe war echt.

Als ich das Ende dann akzeptierte,
versprach ich meinem Mädchen,
ihr bester Freund zu sein
auf der großen, weiten Welt.

Freie Übersetzung JCH

Seine damalige Englischlehrerin belohnte ihn dafür mit einer glatten Eins und meinte, das hätte Potenzial für eine Ballade von Guns ’n Roses oder Aerosmith – beides Bands, die Jon damals liebte. Dennoch hielt er dieses schmeichelhafte Urteil für ein wenig übertrieben. Vielleicht blendete ihn zu jenem Zeitpunkt auch nur sein Liebeskummer …
Die Erwachsenen in seinem Umfeld sollten natürlich wie immer recht behalten und Jon fand weitere Freundinnen, bis er schließlich die echte große Liebe und heutige Ehefrau fand.

Schon seit vielen Jahren verschlingt Jon, wie auf obigem Foto eindrucksvoll zu sehen, ein Buch nach dem anderen. Bevorzugt verleibt er sich dabei Literatur aus den Bereichen Science-Fiction, Thriller und Fantasy ein. Nur ein Mal, hat er versehentlich einen Liebesroman gelesen – mit damals ungeahnten Folgen und rein zu Recherchezwecken, versteht sich.

Seit einigen Jahren schreibt Jon an einer Handvoll Geschichten in seinem bevorzugten Genre: Science-Fiction. Er liebt Geschichten um gefährliche Aliens, pfiffige KIs, schnelle Raumschiffe und bombastische Weltraumschlachten. Im März 2023 war es dann endlich so weit: Nach knapp fünf Jahren Arbeit veröffentlichte Jon seinen ersten Liebesroman … WAIT WHAT??? HÄ??
Ja, ein Liebesroman – auch wenn er stets gern betonte, dass es sich dabei um einen Beziehungsroman handle. Das hätte er sich in seinen kühnsten Träumen nicht ausgemalt – seine Frau übrigens auch nicht.

Auch hier hätte der Kommentar seines Deutschlehrers gut gepasst: »Tolle Geschichte, aber völlig am Thema vorbeigearbeitet …«
Wie es weitergeht, wird die Zeit zeigen.

Name geändert

Blind Date unterm Blutmond – bei Amazon ansehen